Grundsätze

Meine persönliche Annäherung an Low Stress Stockmanship Anja in der Rinderherde

In Deutschland hatte ich schon ein wenig darüber gelesen und mir überlegt, wie das wohl umgesetzt wird, dieser stressfreie Umgang mit einer ganzen Herde Rindviecher. Mit Pferden (Natural Horsemanship) und Hunden (Natural Dogmanship – natürlicher Umgang und Kommunikation in der Sprache des jeweiligen Tieres) hatte ich davon schon eine gewisse Vorstellung. Als ich den Winter 2009/10 in Kanada auf der Ranch „Winning Ways“ verbrachte, kamen die Rinder dran.

Das Schicksal meinte es gut und manchmal muss man nur warten und Geduld haben, denn Kelly und Newton, die Besitzer der Ranch, waren vor fünf Jahren bei Bud Williams, dem Begründer dieser Methode, in der Low Stress Stockmanship Schulung. Seitdem wird auf ihrer Ranch Low Stress Stockmanship mit den Tieren praktiziert.

Richtig bewusst wurde mir das gleich in der zweiten Woche (also Mitte Oktober), als wir auf einer Wiese einen vermissten roten Bullen fanden, der lange keine Menschen mehr gesehen hatte. Er sollte wieder zu seiner Herde gebracht werden, die vor ein paar Wochen weiter getrieben worden war. Wir hatten Pferde dabei und natürlich hätten wir das Vieh im gestreckten Galopp irgendwie dorthin jagen können, aber vielleicht wäre er wild geworden, hätte sich umgedreht oder wäre einfach durch den Zaun abgehauen – was letztlich viel mehr Zeit in Anspruch genommen und auch den Ressourcenverbrauch aller Beteiligten enorm erhöht hätte.

Grundsätze

Das Grundprinzip ist, dass man Rinder nur so schnell treibt, dass sie laufen und nicht rennen. Dadurch sind sie viel leichter lenkbar. Kühe laufen dorthin, wo sie hinschauen, wenn sie also den Kopf drehen, sollte man schon mal überlegen, wo man als nächstes sein sollte. Ist man zu Fuß geht man hinter der Herde hin und her, ich meine damit, nicht einkreisend wie ein Fleischfresser, sondern geradlinig von rechts nach links und wieder zurück. Dadurch schaut man nicht frontal auf die Rinder und die gehen schon entspannter. Außerdem hält man die ganze Herde am Laufen und kein Tier bleibt zurück.

Lenken

Wenn die Herde abbiegen soll, muss man auf die jeweils andere Seite gehen und entweder (wenn man genug Platz hat) quasi links/rechts von der ganzen Herde sein oder (wenn man auf einem Weg läuft) bis nach ganz vorn gehen um den Kopf der Herde, d.h. die ersten Tiere, in die gewünschte Richtung zu lenken. Ist nicht genug Platz, kann man das Auge und den toten Winkel nutzen – tritt man auf der Innenseite in den toten Winkel ein, dreht sich die Kuh auch, wobei man dafür natürlich mehr Vertrauen haben musst, dass die Methode funktioniert.

Richtig interessant wird es aber erst, wenn man Rinder sortieren will. Ich hatte Glück und durfte einen Tag auf einer anderen Ranch verbringen, auf der nicht möglichst ruhig gearbeitet wird und das war ein Gerenne! Die Viecher waren alle extrem gestresst, man konnte sie kaum lenken, musste mit einem Stock bewaffnet sein und gekickt haben die auch noch!! Echt nicht lustig und ich war extrem am Ende nach dieser Aktion. Nun weiß ich woran ich bin, wenn ich durchdacht Rinder bewege.

„Look for the hole!“

Zum Sortieren bringt man die Herde in die Corral, in dem es verschiedene Pens (Pen heißt Einzäunung) gibt mit vielen Toren. Bei Kelly befindet sich in der Mitte der Sorting Pen, außerhalb der Treibgang mit Fangstand, auf der anderen Seite die Loading Area. Die Rinder werden zuerst in den Sorting Pen gebracht. Es ist Kuh-Psychologie durch das gleiche Tor wieder rausgehen zu wollen, durch das sie gekommen sind. Das nutzen wir aus und sortieren sie an dem Tor in 3-4 verschiedene Richtung. Einer bringt die Tiere einzeln zum Tor, derjenige am Tor steht da, wo sie nicht hingehen sollen. Es ist wichtig, dass derjenige nach unten schaut und wiederum nicht wie ein Raubtier dem Tier entgegen blickt, sonst würden die Rinder nicht zum Tor rausgehen wollen.

Als wir im November die verschiedenen Herden auf Trächtigkeit untersucht haben und die Kälber geimpft wurden, mussten Kühe und Kälber voneinander getrennt werden. Dadurch, dass immer ruhig gearbeitet wurde, wissen die Kühe schon, was zu tun ist und gehen selbstständig zum Tor raus. Derjenige, der in der Herde läuft, muss demnach nur die Kälber zurückhalten. Das funktioniert allein durch ins Gesicht schauen!

Dadurch, dass die Rinder hier von klein auf trainiert werden, nach dem Tor zu suchen und langsam laufend dem Menschen weichen, kann man sie sogar allein so ziemlich überall hinbringen. Mit den Hütehunden kann man sich das ganze noch erleichtern und muss sich nicht so viel bewegen. Ist man auf einer großen Wiese oder in einem größeren Areal arbeitet man wie beschrieben auch mit Pferden, die sind dann doch schneller um von A nach B zu kommen und zum Beispiel besser geeignet, um einzelne Kühe rauszusuchen.

von Anja wannabefree87.wordpress.com

Eine PDF von Bud Williams über Stockmanship gibt es hier zum Download.

Zurück in Deutschland war ich 1,5 Jahre Herdenmanagerin auf der Bio Ranch Zempow. Dort habe ich die Methode praktisch umgesetzt und mithilfe von Wilhelm Schäkel begonnen, Interessierten die Grundlagen näher zu bringen und Seminare anzubieten.

Es schloss sich eine Reisezeit an, in der ich mit meinem Freund Erfahrung auf verschiedenen Betrieben sammelte. Ich erprobte die Methode mit Milchvieh und unter schwierigen Bedingungen auf der Alm.

Ein kleiner Beitrag von den Kuhflüsterinnen in Zempow auf Youtube entdeckt:

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